Religiöses Buch des Monats Mai 2019

Andreas R. Batlogg, Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs

TYROLIA Verlag, Innsbruck 2019, ISBN: 9783702237455, 192 Seiten, 19,95 €

 

 

Wir kennen das eigentlich alle: Da machen wir ausgefeilte Pläne für die nächsten Wochen, Monate und Jahre, doch dann durchkreuzt irgendein ein unerwartetes Ereignis unsere schönen Vorstellungen! Wenn das Unvorhergesehene allerdings in einer schweren, ja lebensbedrohlichen Krankheit besteht, bekommt das Wort "durchkreuzen" für religiöse Menschen einen tieferen Sinn - der typografisch zweifarbig gestaltete Titel des Buches von Andreas Batlogg weist bereits unmissverständlich darauf hin. Nach anstrengenden 17 Jahren in der Redaktion der Zeitschrift "Stimmen der Zeit" steht für den 54-jährigen Jesuiten ein Sabbatjahr in Israel kurz bevor, als ihn aus heiterem Himmel die Diagnose Darmkrebs ereilt - ein bösartiger Tumor und bereits ziemlich groß. Auf einen Schlag platzen alle Vorhaben, eine sofortige Behandlung ist unerlässlich, die Krankheit beansprucht alle Kräfte und alle Gedanken - bis hin zur bohrenden Frage, ob vielleicht der baldige Tod bevorsteht.

Das Wesentliche und die Notwendigkeit des Christentums

Außerdem lässt Christian Nürnberger – Journalist, Theologe und Autor („Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten“, ebenfalls bei Gabriel erschienen) – keinen Zweifel daran, dass es auch die andere Seite des Christentums gibt – und dass es der Welt nicht gut bekommen würde, wenn es Kirche und Christentum eines Tages nicht mehr gäbe. Deshalb hat Nürnberger aufgeschrieben, was er für das Wesentliche des Christentums hält. Er fängt bei Abraham an und schildert die Glaubensgeschichte von Juden und Christen als Geschichte des Versuchs Gottes, den Hang des Menschen zu Egoismus, Clandenken, Gewalt und Selbstzerstörung zu durchbrechen und ihn für eine Lebens- und Gesellschaftsform zu gewinnen, die Jesus zuletzt „Reich Gottes“ genannt hat. Es ist eine Geschichte wiederholten Scheiterns und wiederholter Aufbrüche.

Trost finden durch Menschlichkeit

Es folgt ein viele Monate dauernder Behandlungsweg mit Bestrahlungen und Chemotherapie sowie insgesamt vier Operationen. Ein Weg voller Ängste, Einbußen und Einschränkungen, die nicht nur den Leib schwächen, sondern auch zu seelischen Belastungen werden. Der Autor beschönigt hier nichts, wirklich gar nichts, auch gibt er ganz offen zu, dass vieles eher oberflächlich gehaltene fromme Gerede auf dem Prüfstand einer solchen Extremsituation nicht standhält, dass überhaupt vorschnelle Vertröstungen versagen. Und doch öffnet ihm die Krankheit auch die Augen für Neues, lässt ihn neue Perspektiven einnehmen und zeigt, was wirklich Trost spenden kann: menschliche Zuwendung, die nicht viele Worte macht, echte Freundschaften und nicht zuletzt der Glaube an einen liebenden Gott, der in Jesus Christus wirklich immer für uns da ist. Diese spirituelle Einsicht gewinnt freilich erst durch die durchlittene Realität hindurch ihre eigentliche Wahrheit.

Jesus Christus im Leid erkennen

"Vielleicht reden wir Christen manchmal zu schnell von Auferstehung - und übergehen auf dem Weg zum Ostermorgen das, was ihm vorausging", schreibt Batlogg. Der christliche Glaube gründet sich eben gerade nicht auf eine ungebrochene Erfolgsgeschichte nach den Maßstäben dieser Welt: "Am Leben Jesu teilnehmen bedeutet auch, am Leiden Jesu teilnehmen, Kreuzerfahrungen machen, Erfahrungen der Verlassenheit, des Nicht-Verstanden-Werdens, der Sprachlosigkeit. Das kennen wir alle. Kranke erst recht."

"Unsere Tage zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz."

Die mutige Offenheit, mit der Pater Batlogg hier über das Erleben und Erdulden seiner Krankheit schreibt, ist beeindruckend. Wirklich schonungslos schildert der Jesuit die Verletzlichkeit seines Leibes wie seiner Seele - und öffnet uns dadurch die Augen für unsere eigene Verletzlichkeit (und die unserer Mitmenschen), wofür man ihm gar nicht genug dankbar sein kann! Gerade in der freimütigen Darstellung, die kein schlimmes Detail ausspart, ganz ehrlich von zeitweiser Inkontinenz und dem anfänglichen Ekel vor dem künstlichem Darmausgang spricht, geschieht eine befreiende und bereichernde Mit-Teilung von Krankheit und Leiden, die uns Leser/innen zu größerer Empathie gegenüber Kranken wie zum wacheren Bewusstsein der eigenen Endlichkeit befähigt, Ängste vor Leiden und Sterblichkeit zumindest ein Stück weit abbauen hilft, Trost und Ermutigung sein kann und ein gelassen und frei machendes Gottvertrauen vermittelt. Der Autor zitiert neben vielen anderen Schriftstellen (und Dichterworten) auch einen Vers aus Psalm 90: "Unsere Tage zu zählen lehre uns, dann gewinnen wir ein weises Herz." Dieses Buch kann uns auf dem Weg zu einem weisen Herzen ein entscheidendes Stück voranbringen!

 

 

(Sankt Michaelsbund)

 

Das „Religiöse Buch des Monats“ wird seit dem Jahr 2000 von den beiden katholischen Büchereiverbänden in Deutschland, dem Sankt Michaelsbund (für Bayern) und dem Borromäusverein (außerhalb Bayerns) ausgewählt. Das Anliegen der Auszeichnung ist es, Bücher zum Thema Religion und Glauben in ihrer Bandbreite bekannter zu machen. Dazu wählen die Lektorate monatlich ein Buch aus, das aus Sicht des christlichen Glaubens ein grundlegendes Thema aufgreift wie Orientierung und Sinn im Leben, Gemeinschaft, gesellschaftliche Verantwortung. Diese Bücher geben Rat in verschiedenen Lebenssituationen, greifen Lebensschicksale auf, regen an, das Leben und den Jahreskreis bewusst zu gestalten oder tragen zu gesellschaftlichen und kirchlichen Debatten bei. Die Bücher erreichen so Menschen, die sich Fragen der Gesellschaft und den eigenen biografischen Herausforderungen bewusst stellen wollen und diese Fragen im Licht des religiösen Glaubens reflektieren und vertiefen.

Verlage und Buchhandlungen können einen Newsletter sowie Werbematerialien kostenlos bestellen und als verkaufsfördernde Maßnahme in der Buchhandlung oder auf ihrer Homepage einsetzen.

Informieren Sie sich beim Borromäusverein oder beim Sankt Michaelsbund!

 

 

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