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Religiöses Buch des Monats Februar 2017

 

 

Andreas Knapp, Die letzten Christen. Flucht und Vertreibung aus dem Nahen Osten
 

Asslar, adeo Verlag 2016 – 239 Seiten, 17,99 Euro.

 

 

„Wir bedeuten ihnen nichts.“ Diese resignierten Worte von Jacques Mourad, eines Priesters der syrischen Kirche, zitierte Navid Kermani 2015 in seiner Friedenspreisrede. Sie machen deutlich, dass sich die Christen im Nahen Osten von ihren Glaubensgeschwistern im Westen im Stich gelassen fühlen. Navid Kermani machte damit darauf aufmerksam, dass der Terror des „Islamischen Staates“ nicht nur Muslime betrifft, sondern auch Christen. Christen, die noch die Muttersprache Jesu sprechen und zu einer der ältesten Kirchen der Christenheit gehören, der syrischen oder aramäischen Kirche.

 

KnappAndreas Knapp hat bei seiner Arbeit mit Flüchtlingen in Leipzig aramäische Christen kennengelernt. Einen von ihnen begleitete er zur Beerdigung seines Vaters in den Norden des Irak. In seinem Buch schildert er die Eindrücke von dieser Reise. Die Menschen, die er in Ankawa und Umgebung trifft, erzählen ihm von ihrem Leben vor der Flucht, vom Terror der Truppen des „Islamischen Staates“ und von Flucht und Vertreibung. Diese Geschichten sind schwer zu ertragen. Menschen werden Köpfe und Gliedmaßen abgeschnitten, Frauen und Kinder werden vergewaltigt, Leichen werden gesprengt – all das im Namen des Islam. 

 

Knapp konnte auch mit Petros Mouche sprechen, dem Bischof von Karakosch (südl. von Mossul am Tigris gelegen). Wie Jacques Mourad fühlt er sich von seinen Glaubensgeschwistern im Westen im Stich gelassen. „In den westlichen Ländern engagieren sich viele Menschen für den Schutz von Tierarten, die vom Aussterben bedroht sind“, sagt er. „Aber alle Appelle, das Aussterben der ältesten christlichen Kultur, eines Volks und einer Sprache zu verhindern, hat die westliche Welt nicht interessiert.“


In seinen Bericht lässt Knapp immer wieder Informationen zur Geschichte der Christen in Syrien und im Irak einfließen und zu den verschiedenen Ursachen von Terror und Gewalt, die die Menschen zur Flucht treibt.


Besonders beeindruckt hat Knapp, dass die aramäischen Christen gewaltlos und friedlich geblieben sind, obwohl sie seit Jahrhunderten immer wieder gewaltsam unterdrückt worden sind. Yousif, der Flüchtling, den Knapp in den Irak begleitet hat, sagt dazu: „Für die Terroristen ist es eine Ehre, Menschen zu töten. Sollte es für uns Christen nicht eine Ehre sein, für unsere Verfolger zu beten und sie zu lieben?“


 

Andreas Knapps Reportage bezieht auch die spirituelle Dimension der Situation der Christen im Nahen Osten ein. Er formuliert seine Rat- und Hilflosigkeit und schreibt, er könne nichts anderes tun, als auf das Kreuz zu blicken und für die Menschen zu beten. „Vielleicht ist es ja genau dieser Blick, der den Christen aus dem Orient hilft, in ihrer Verzweiflung nicht bitter zu werden. Ihr Leiden veranlasste sie nicht dazu, anderen Leid zuzufügen und sich zu rächen. Im Beten haben sie sich die Haltung Jesu zu eigen gemacht: alles Schwere in die Hände Gottes zu legen und daran zu glauben, dass Gott selbst das Dunkelste noch verwandeln kann in Licht.“


 Die Lektüre dieses Buches ist (zumindest passagenweise) nicht angenehm, aber wichtig, um zu verstehen, was die Menschen aus dem Nahen Osten bewegt, nach Europa zu fliehen. Und sie ist nötig, damit die Christen im Nahen Osten und ihre geflüchteten Glaubensgeschwister in Europa nicht länger den Eindruck haben müssen, sie bedeuteten uns nichts.

 

(Borromäusverein

 

(Als „Religiöses Buch des Monats" benennen der Borromäusverein, Bonn, und der Sankt Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)